Bundeswehr - Grundwehrdienst 1990/91 - Erlebnisse aus einer anderen Zeit

Wie viele männliche Personen in meinem Alter auch, absolvierte ich Anfang Zwanzig den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Der Dienst, bei Antritt noch 15 Monate lang, wurde noch während der Grundausbildung auf zwölf Monate verkürzt. Je länger diese Zeit zurückliegt, umso mehr erscheint sie mir wie ein Erlebnis aus einer anderen Epoche. Die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland wurde zum 1.7.2011 ausgesetzt, die Streitkräfte werden nochmals erheblich verkleinert, viele Standorte fallen weg. Mein Standort Wetzlar wurde schon 1993/94 aufgelöst, zu Spitzenzeiten waren dort einmal fast 4000 Soldaten stationiert. Die Bundesrepublik Deutschland ist, im Herzen Europa's, "von Freunden umzingelt"und muss sich anderen Aufgaben stellen. Ganz anders als in der Zeit vor 20, 25 Jahren, als sich in Mitteleuropa, an der Nahtstelle zwischen "Ost" und "West" die Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt waffenstrotzend gegenüberstanden. Am Ende dieser Ära, zwischen dem Fall des "Eisernen Vorhangs" im Herbst 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit gerade mal elf Monate später (3.10.1990), trat ich am 2.7.1990 meinen Wehrdienst bei der 3./135 (3.Batterie des Panzerartilleriebataillons 135) in der Spilburgkaserne Wetzlar an. Nach der militärischen Grundausbildung folgte der Besuch der FSchGr Wz 2  (??=Fahrschulgruppe Wetzlar 2), der mit dem Erreichen der Fahrerlaubnisklasse CE (LKW-Führerschein) endete. Es folgte die neunmonatige Dienstzeit in der "Stammeinheit" dem I.ArtSpezZug LRgt 5. ACHTUNG ! Der nachfolgende Text ist gespickt mit tollen Abkürzungen, wie sie im militärischen Alltag geläufig sind.

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Meine Dienstzeit beim I.ArtSpezZug LRgt 5

Was bedeutet diese Bezeichnung? Es handelt sich um den I.Artilleriespezialzug der 5.Panzerdivision, das Kürzel LRgt steht für "Lehrregiment", was bedeutet, dass Soldaten dort auch ausgebildet werden. Was ist "Spezial" an einem "Artilleriespezialzug"? - Es hat mit Atomwaffen zu tun. Nachfolgend eine Definition von der Website www.atomwaffena-z.info :

"Die Artillerieverbände der Bundeswehr verfügten auf Brigadeebene über Panzerartillerie vom Kaliber 155 mm und auf Divisionsebene über Feldartillerie vom Kaliber 203 mm. Mit diesen Waffensystemen konnten prinzipiell auch Atomgranaten verschossen werden. Dazu standen in jeder Division speziell ausgebildete Soldaten in sogenannten Artilleriespezialzügen bereit. Die Soldaten dieser Spezialzüge sollten nach Freigabe der atomaren Munition die für den Verschuss vorgesehenen Artilleriegeschütze von den regulären Artillerieverbänden übernehmen. Dabei war ein Zug für das schwere Feldartilleriebattaillon (M110, Kaliber 203 mm) der Division zuständig, während der zweite Zug das jeweilige Brigadeartilleriebataillon (M109, Kaliber 155 mm) unterstützte.

Es war vorgesehen, dass die Artilleriespezialzüge der Bundeswehr im Kriegsfall die Atomgranaten mit fertig montierten Sprengköpfen von den Amerikanern übernehmen sollten. Die deutschen Soldaten waren dann für den Einbau der Zünder, das Laden der Granaten in das Geschütz und das Abfeuern verantwortlich. Dieses Verfahren wurde in Friedenszeiten regelmäßig mit Atrappen geübt." (LL)

Panzer- und Feldartillerie haben nicht die Reichweite von Atomraketen. Im V-Fall (Verteidigungsfall) wären diese verhängnisvollen Waffensysteme im eigenen Land zum Einsatz gekommen. Die "schnell vorrückenden Streitkräfte des Warschauer Pakts" (so vermutete man), sollten damit wirkungsvoll abgebremst werden. Die kleineren Atomexplosionen, welche aber teilweise die Kraft der Hiroshima-Bombe erreicht hätten, wären nicht tief im Hinterland des "Feindes", sondern in der Nähe osthessischer, nordbayerischer oder niedersächsischer Ortschaften erfolgt, mit allen fatalen Folgen für die Zeit danach. Gelagert waren diese Artilleriegranaten unter anderem im NATO-Sonderwaffenlager Alten-Buseck, in der Nähe von Gießen. Es gibt eine hochinteressante Internetseite, aus der die Erklärung entnommen wurde, wie dieses Lager funktioniert hat: www.geschichtsspuren.de :

"Das 42 Hektar große Gelände besteht aus zwei Bereichen: Dem ehemaligen Munitionsdepot der Bundeswehr mit ca. 45 Munitionslagerhäusern und einem Sonderwaffenlager der NATO (USAFAD = US Army Field Artillery Detachment). Die beiden Depots wurden Anfang der siebziger Jahre errichtet und 1993 von der NATO bzw. der Bundeswehr aufgegeben.

Das Areal des ehemaligen Atomwaffenlagers ist doppelt eingezäunt und wurde von einer Wacheinheit (Begleitbatterie 5) der Bundeswehr, teilweise auch nur von zivilem Personal  bewacht. Nur zwei bzw. drei US-Soldaten kontrollierten den Zugang der Bundeswehr-Soldaten zum inneren Bereich. Dieser Zutritt erfolgte für die nächtliche Bestreifung durch das Tor am Wachgebäude; für Alarme resp. Alarmübungen durch eine an der Rückseite des Wachgebäudes befindliche, alarmgesicherte Metalltür (sog. "rapid entry door"). Der Zaun war Sensoren ausgestattet, die Berührungen bzw. Manipulationen meldeten. Die häufigste Ursache für Alarmmeldungen dieser Sensoren, war Wild, meistens Hasen.

Das gesamte Gelände und der umliegende Außenbereich wurde nachts mit starken Scheinwerfern beleuchtet und von den mit jeweils zwei Soldaten besetzten Wachtürmen aus kontrolliert. Von den Türmen nicht direkt einsehbare Stellen waren zusätzlich mit Videokameras ausgestattet. Ausserhalb des Geländes sicherten Zivilbeschäftigte das Areal während der Dunkelzeit mit abgerichteten Hunden. Während der regelmäßig stattfindenen Wartungsarbeiten an den eingelagerten Sonderwaffen, wurde zusätzlich ein Teil des umliegendes Waldes abgesperrt. Im inneren Bereich, der sogenannten SAS (Special Ammunition Site), gab es Unterstände, die als MG-Stellungen zur Verteidigung vorgesehen waren. Als Ausrüstung standen hierfür unter anderem Tränengas, Splitterschutzwesten, Maschinengewehre, Granaten und Feldkanonen FK-20 zur Verfügung.

Im hinteren Bereich befand sich ein weiterer Wachturm, in dem auch ein Teil der Überwachungsmonitore untergebracht war. Der innere Bereich beherbergte zwei große , innen halbtonnenförmige Bunker mit doppelter Absicherung. Dort wurden u.a. "dual capability nuclear weapons" vom Typ W-79 (203mm Artilleriegranate), W-80 und W-85 gelagert. Diese Waffen hatten, je nach Ausführung und Einstellung, eine Sprengkraft zwischen 0,3 und 80 Kilotonnen.  Zwischen 1962 und 1972 war auch die 5./RakArtBtl 52  zur Bewachung des Depots eingesetzt.  Während dieses Zeitraums lagerten in Alten Buseck möglicherweise auch Sprengköpfe für die Honest John sowie die Granaten für die 28cm Kanonen (Atomic Anni), Die BGL 5 war in der Steuben Kaserne Giessen stationiert, das US Army Detachment ebenfalls.SAT (Security Alert Team) und BAF 1 (Back-up Alert Force) waren stets im Lager. Das SAT bestand aus zwei Mannschafts-Dienstgraden und einem Unteroffizier; üblicherweise handelte es sich um die Soldaten, welche zuvor zwei Stunden Dienst auf dem Hauptturm hatten. Die Reaktionszeit des SAT betrug dreißig Sekunden; zu den weiteren Aufgaben des SAT zählten auch Reinigungsarbeiten im Aufenthaltsraum. Die BAF1 bestand aus den Soldaten der Freiwache. Die BAF2 mit Standort in der Steuben-Kaserne wurde im Alarmfall durch den jeweils höchsten Dienstgrad alarmiert. Weitere Kräfte konnten aus Giessen und Wetzlar angefordert werden". (Text von A.Leib und M.Grube)

An diesem Punkt trat der Artilleriespezialzug (Wetzlar) auf den Plan. Der Umgang mit den atomaren Waffensystemen musste im Alltag ständig geübt werden. Die wiederkehrenden Übungen, welche alle "bestanden" werden mussten, hiessen "AAT","AEE" und "ATT". Der umfangreichste war der "ATT"=Atomic Technical Test, bei dem alles bis zur abschussfertigen Montage einer Atomgranate detailliert geübt wurde. An diesem Test musste ich nicht mehr teilnehmen, er fand nach meiner Dienstzeit statt. Beim "AAT"=Annual Alert Test wurden wir im März 1991 mit Sack und Pack im Konvoi ins Saarland verlegt, um dort in zwei Tagen und einer Nacht allerlei Übungen durchzuführen,incl. dem scharfen Schuss mit der Panzerhaubitze am Truppenübungsplatz Baumholder. Eine spannende Sache war der "AEE" am 12./13.Dezember 1990 im oben erwähnten NATO-Sonderwaffenlager Alten-Buseck. Die Abkürzung steht für Annual Evacuation Exercises, also die jährliche (simulierte) (Teil-)Räumung des Sonder-waffenlagers. Ich habe als TM-Soldat (Transport- und Montagesoldat) daran teilgenommen. Meine Aufgabe war es, den MAN 5to Y338-664 (oben im Bild) zu fahren. Ich durfte die ganze Zeit am Steuer bleiben, während die anderen TM-Kameraden zur Bewachung öfter ihre Plätze verlassen mussten. Bei Schnee und Wintertemperaturen eine angenehme Aufgabe :-) Auf dem Beifahrersitz sass während der Übungsabschnitte ein Soldat der US-Army,"kein Handgriff ohne seine Aufsicht". Es musste auch eine Checkliste mit ihm durchgegangen werden. Ausserdem erfolgte der Tausch von Milka-Schokolade gegen "American Sandwich" :-) Im Innern des absolut nach allen Seiten gesicherten Waffenlagers wurden dann mit Sand gefüllte Munitionstruhen übernommen. Im Ernstfall wären dies Atomgranaten gewesen....

Nach mehr als zwanzig Jahren liest sich dies unwirklich und realitätsfern. Erlebnisse, die einem niemand nehmen kann und Erfahrungen für's Leben. Wir alle sollten heute froh sein, dass die militärische Konfrontation in Deutschland und Europa vorüber ist. Es hätte auch alles ganz anders kommen können....

G.Blitz, im Januar 2012

 

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